Die Europäische Kommission bereitet eine Überarbeitung der Tabakprodukterichtlinie (TPD) vor. Damit soll die regulatorische Aufsicht von herkömmlichen Tabakprodukten auf sämtliche Nikotinprodukte ausgeweitet werden, darunter Nikotinbeutel und Aromen für E-Zigaretten. Die von Gesundheitskommissar Olivér Várhelyi geleitete Gesetzesinitiative hat jedoch in Brüssel erheblichen institutionellen und wissenschaftlichen Widerstand ausgelöst.
Interner Widerstand wurde laut, nachdem der Ausschuss für Regulierungskontrolle der Europäischen Kommission den Richtlinienentwurf negativ bewertet hatte. Das unabhängige Aufsichtsgremium stellte vier wesentliche Mängel des Vorschlags fest und hob hervor, dass empirische Belege fehlen, um einheitliche Beschränkungen für unterschiedliche Kategorien von Nikotinprodukten zu rechtfertigen.
Öffentliche Förderung und die Frage zirkulärer Lobbyarbeit
Die Transparenzbedenken haben sich nach Bekanntwerden der finanziellen Verbindungen zwischen EU-Regulierungsbehörden und politischen Interessenverbänden verschärft. Michael Landl, Direktor der World Vapers‘ Alliance, wies darauf hin, dass prominente Organisationen, die sich für Nikotinverbote einsetzen – darunter die European Cancer Organisation und die Smoke Free Partnership –, erhebliche Mittel von Institutionen der Europäischen Union erhalten.
Ein von der ungarischen Denkfabrik Free Market Foundation (Szabad Piac Alapítvány) veröffentlichter Bericht beziffert die jährlichen öffentlichen Fördermittel für neun politische Interessenverbände auf rund 12,8 Millionen Euro. Davon stammten 12,41 Millionen Euro – also 96,8 Prozent – direkt von der Europäischen Kommission.
Analysten bezeichnen diese Konstellation als „zirkuläre Lobbyarbeit“: Öffentliche Institutionen finanzieren externe Nichtregierungsorganisationen, die anschließend bei denselben Institutionen für restriktive Maßnahmen werben.
Wissenschaftliche Einwände gegen einheitliche Nikotinregulierungen
Medizinforscher und Fachleute für öffentliche Gesundheit haben die Behauptung von Kommissar Várhelyi formell zurückgewiesen, rauchfreie Nikotinprodukte stellten ein gleich hohes Gesundheitsrisiko dar wie Tabakprodukte, die verbrannt werden. In offenen Briefen an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verwiesen Forscher auf mehr als 130 wissenschaftliche Studien, die ein geringeres toxikologisches Risikoprofil nicht verbrennbarer Alternativen belegen.
Im Mittelpunkt der Debatte stand der 9. Wissenschaftliche Gipfel zur Schadensminderung beim Tabakkonsum (SCOHRE) in Griechenland. Dort forderten Mediziner Brüssel auf, die Politik an der Realität des Konsumverhaltens auszurichten. Dr. Mark Tyndall, ehemaliger Direktor des British Columbia Centre for Disease Control, kritisierte Regulierungsrahmen, die sich ausschließlich auf den Jugendschutz konzentrieren und erwachsene Raucher außer Acht lassen:
„Wenn sich die Bemühungen ausschließlich darauf konzentrieren, neue Konsumenten zu verhindern, könnte das 30 oder 40 Jahre dauern. Das ist völlig das falsche Ziel.“
Der Suchtexperte Raymond Niaura von der New York University stellte Daten vor, denen zufolge restriktive Maßnahmen wie die Anhebung des Mindestalters für den Kauf auf 21 Jahre die Raucherprävalenz unter Jugendlichen um kaum 1 Prozent beeinflussten. Damit stellte er die Wirksamkeit rein auf Zwang setzender Ansätze infrage.
Unterschiedliche Modelle in Europa: Schadensminderung statt Verbot
Die Regulierungsdebatte verdeutlicht erhebliche Unterschiede bei den Ergebnissen für die öffentliche Gesundheit in Europa. Länder, die rauchfreie Produkte in ihre Strategien zur Raucherentwöhnung integriert haben, verzeichnen einen raschen Rückgang der Raucherquote, während in restriktiven Ländern der Schwarzmarkt wächst.
| Land | Regulierungsstrategie | Tägliche Raucherquote | Ergebnis für die öffentliche Gesundheit |
|---|---|---|---|
| Schweden | Risikoproportionaler Zugang zu Snus und Nikotinbeuteln | 3.7% | Niedrigste Lungenkrebsrate in der EU (39 je 100.000 gegenüber einem EU-Durchschnitt von 95) |
| Neuseeland | Reguliertes Angebot an Alternativen zum Rauchen | 6.8% | Beschleunigter Umstieg weg von Tabakprodukten, die verbrannt werden |
| Vereinigtes Königreich | Einbindung des Dampfens in klinische Angebote zur Raucherentwöhnung | ca. 10,0 % | Anhaltender langfristiger Rückgang des Konsums herkömmlicher Zigaretten |
| Türkei | Strikte Umsetzung der WHO-MPOWER-Verbote | 32.1% | Die Raucherquote stieg trotz restriktiver Maßnahmen wieder an |
Der Kardiologe Konstantinos Farsalinos hob beim SCOHRE-Gipfel die Ergebnisse Schwedens hervor und merkte an, dass die EU-Gesundheitsgremien den Erfolg des Landes regelmäßig außer Acht lassen:
„Sie versuchen, Krebs zu bekämpfen, ignorieren dabei aber das Land, dem dies praktisch gelungen ist – und das zufällig ein EU-Mitgliedstaat ist.“
Im Gegensatz dazu haben Länder wie die Niederlande, Belgien und Frankreich weitreichende Verbote von Aromen und Einweg-E-Zigaretten eingeführt. Anstatt den Konsum zu beenden, haben diese Maßnahmen erwachsene Konsumenten in nicht nachverfolgbare, unregulierte Vertriebskanäle des illegalen Marktes gedrängt.
Wirtschaftliche Belastungen und Risiken einer steuerlichen Harmonisierung
Die wirtschaftlichen Folgen tabakbedingter Erkrankungen in den EU-Mitgliedstaaten belaufen sich Schätzungen zufolge jährlich auf 130 Milliarden Euro an direkten Gesundheitsausgaben und Produktivitätsverlusten. Ökonomen warnen, dass eine aggressive steuerliche Harmonisierung bei Produkten mit geringerem Risiko die öffentlichen Haushalte gefährdet.
Panagiotis Liargovas, Präsident des Centre of Planning and Economic Research (KEPE), warnte, dass bei der steuerlichen Harmonisierung die jeweiligen Produktkategorien berücksichtigt werden müssten: „Steuerliche Harmonisierung und wirtschaftliche Gleichwertigkeit sind nicht dasselbe.“ Einheitliche Mindeststeuersätze für alternative Produkte könnten Raucher davon abhalten, auf risikoärmere Optionen umzusteigen.
Während die Europäische Kommission ihren offiziellen Vorschlag zur Tabakprodukterichtlinie fertigstellt, stehen das Europäische Parlament und der Rat vor der Herausforderung, Maßnahmen zum Jugendschutz mit evidenzbasierten Strategien zur Schadensminderung für erwachsene Raucher in Einklang zu bringen.